Die Schlächter und das Millionen-Dollar-Tier
Auf brutale Weise fangen Treibjäger lebende Delfine, um sie mit hohem
Gewinn zu verkaufen - vermehrt angebotene Delfintherapien tragen Mitschuld
München - Die Retter und die Schlächter kommen in einer Person. Und zwar
jedes Jahr zwischen Oktober und April, wenn in Japans Gewässern die
"Drive Fisheries" stattfinden: Mehr als 20.000 Kleinwale, darunter Tausende
Delfine, werden auf offener See eingekreist, in Lagunen getrieben und im
flachen Wasser mit Messern zu Tode gehackt.
Dabei haben die Schlächter immer auch ein Auge auf besonders zähe Delfine:
Denn die Tiere, die das Gemetzel überleben, werden gewinnträchtig an
Marineparks verkauft. Die vermeintlichen Delfinliebhaber arbeiten mit den
Treibjägern Hand in Hand.
"Jedes Jahr werden Hunderte von Tieren an die Milliarden Dollar schwere
Delfinindustrie verkauft", sagt Richard O'Barry, der in den 1960er-Jahren Trainer der fünf Delfine für
die TV-Serie "Flipper" war. Seit 1970 arbeitet er als Walschützer - derzeit im
Auftrag der französischen Tierschutzorganisation One Voice. Vor kurzem hat der
64-Jährige vor dem japanischen Taiji eine "Drive Fishery" gefilmt.
Laut O'Barry waten Fänger und Tiertrainer in ihren Neoprenanzügen mitten
durch die Delfine und pickten sich junge Weibchen heraus - Muttertiere und Babys,
die in der Natur fünf Jahre unzertrennlich zusammenleben, werden dabei
getrennt -, die sie an Land schleppen. Dort findet dann die finale Selektion statt:
In einem stundenlangen Prozedere werden Delfine ohne Blessuren gesucht. Diese
werden auf Tragen abtransportiert, während auf die zu alten, zu jungen, zu
dicken und zu verletzten die Zerstückelung wartet.
Doch auch vielen der Auserwählten droht noch der baldige Tod. "Fast die Hälfte verendet während der Zwischenlagerung, dem Transport und der
Eingewöhnungszeit in Gefangenschaft", sagt Nicolas Entrup von der Whale and Dolphin Conservation Society
(WDCS). Allein - lebende Delfine bringen derzeit Profit wie kaum ein anderes Tier:
Mit einem einzigen Großen Tümmler werden bis zu einer Million Dollar im
Jahr erwirtschaftet. In den 1960er-Jahren kostete ein lebender Delfin 300
Dollar, kürzlich blätterte Sea World in Florida 130.000 Dollar hin.
Fachleute beobachten, dass die Zahl der Fänge in jüngster Zeit stark
zunimmt. Denn weltweit locken immer mehr Touristenzentren mit den Tieren.
Noch nimmt Japan mit vierzig Delfinarien und zehn Schwimmstätten den
Spitzenplatz ein, das könnte sich aber bald ändern. "Inzwischen haben auch Jamaika, Anguilla, Antigua, Bermudas, St. Lucia, die
Cayman Islands und andere Karibikstaaten lebende Delfine", klagt
O'Barry. Und es tut sich noch ein Sektor auf: Zunehmend erhoffen sich
Menschen von der hautnahen Begegnung mit Delfinen Heilung von allerlei
Krankheiten.
Effizienz nicht belegt
Nach Angaben der EuroArab Management School werden aufgrund der weltweit
steigenden Nachfrage nach Delfintherapien jedes Jahr mindestens zwei neue
Zentren aufmachen, etwa in Südeuropa, Jordanien, Südamerika und den USA.
Die Effizienz dieser Behandlungsform sei längst bewiesen, verheißen deren
Anbieter. Doch tatsächlich gibt es keine Studie in einem angesehenen
Wissenschaftsjournal, die eine nachhaltige Wirksamkeit der Delfintherapie
belegt oder ihr gar Überlegenheit über Therapieformen mit Haustieren
bescheinigt. Auch die angebliche Heilkraft des Ultraschalls ist wissenschaftlich nicht haltbar. Bewiesen ist nur, dass die Tiere dabei
leiden.
Große Tümmler leben in sehr komplexen und besonders sensiblen Sozialverbänden, sind von Lebendfängen am schwersten betroffen.
Entsprechend stark leiden sie in Gefangenschaft, belegte erst jüngst wieder
eine in Nature publizierte Studie - aufgrund meist unzureichenden Platzangebotes für die Tiere, die in freier Wildbahn täglich oft mehr als
hundert Kilometer schwimmen. Sie legen in Gefangenschaft stark gestörtes
Verhalten an den Tag: Sie sind aggressiv gegen Artgenossen und Menschen,
schwimmen apathisch im Kreis und tauchen immer an der gleichen Stelle zum
Atmen auf.
(Torsten Engelbrecht/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. - 31. 5.
2004)