Mehr,
nicht weniger Wale
24. Mai 2004 Das
norwegische Parlament, der Storting, hat die Regierung angewiesen,
die kommerzielle Fangquote für Zwergwale in den nächsten Jahren
deutlich zu erhöhen. Eine Zahl wurde nicht genannt, im zuständigen
Wirtschafts- und Industrieausschuß des Parlaments waren sich die
Abgeordneten aber einig, daß eine Verdreifachung auf 1800 im Jahr
ein "guter Anfang" wäre. Zugleich empfahl das
Parlament, auch den wissenschaftlichen Walfang wieder aufzunehmen
und unter anderem Finn- und Grindwale zu jagen sowie die
Fangquoten für Grönlandrobben zu erhöhen.
Damit
reagierten die Abgeordneten auf ein Regierungspapier ("White
Paper"), das vom künftigen Umgang mit Meeressäugern handelt
und im März vorgelegt worden war. Allerdings ging der Storting
mit seinen Empfehlungen über die Vorschläge der Regierung
hinaus. Begründet wurde die Erhöhung der Fangquoten vom
norwegischen Fischereiministerium mit einer stetig wachsenden Zahl
an Meeressäugern, die große Mengen an Kabeljau und Hering
verschlängen und damit die Fischereiindustrie empfindlich träfen.
Population nicht
gefährdet
Nach Angaben des
Wissenschaftsausschusses der Internationalen Walfang-Kommission
(IWC) leben in den norwegischen Jagdgründen 107.000 Zwergwale. In
dieser Walfangsaison, die Mitte Mai begann, beträgt die von der
Regierung festgelegte Fangquote 670 Tiere, 2003 waren es noch 711
Zwergwale gewesen. Allerdings wurde die Quote im vergangenen Jahr
nicht ausgeschöpft, die 33 mit einer Walfanglizenz ausgestatteten
Boote erlegten 647 Meeressäuger; 2002 waren es 634 gewesen.
Mit einer Erhöhung
auf 1800 Tiere würde Norwegen die seit Jahren angestrebten etwa
zwei Prozent des Gesamtbestandes erreichen, die bereits zwischen
1963 und 1982 erlegt wurden und - wie norwegische Wissenschaftler
sagen - die Population nicht gefährden. In dieser Saison sind
erstmals auch nicht auf allen Booten Inspektoren anwesend.
Norwegen testet sogenannte "Blue Boxes", die automatisch
jeden Harpunenschuß und die erlegten Tiere registrieren sowie
Gen-Proben entnehmen, damit mittels DNA-Fingerabdruck
nachvollzogen werden kann, ob das Fleisch irgendwann einmal
illegal gehandelt wird. Die IWC hingegen setzt sich seit Jahren für
internationale Inspektoren auf den Schiffen der Walfangnationen
ein.
Nur Norwegen jagt
kommerziell
Norwegen ist das
einzige Land, das kommerziellen Walfang betreibt und sich nicht an
das Verbot der IWC hält. Island und Japan betreiben
wissenschaftlichen Walfang, der von der IWC zwar erlaubt wird,
doch scheint es für Walfanggegner offensichtlich, daß vor allem
Japan die jährlichen Fangquoten eigentlich nur deshalb erhöht,
um das Fleisch der Tiere im eigenen Land zu vermarkten. In der
diesjährigen Saison dürfen die japanischen Jäger 100 Zwerg-, 50
Bryde-, 50 Sei- und zehn Pottwale erlegen. Island hat im
vergangenen Herbst erstmals wieder seit vierzehn Jahren 36
Zwergwale harpuniert; die Quote lag bei 38 Tieren.
Das einseitige
Vorgehen der Walfangnationen müsse auch als Reaktion auf die
Berlin-Initiative der IWC verstanden werden, sagt Rune Frøvik,
Sprecher der High North Alliance, der Vereinigung von Fischern,
Robben- und Walfängern von den Küsten Grönlands, der Faröer,
Islands und Norwegens. In Berlin hatten im vergangenen Jahr 25
IWC-Mitglieder für einen verstärkten Schutz von Meeressäugern,
zwanzig Länder dagegen gestimmt. Damit habe sich die IWC noch
weiter von ihren ursprünglichen Aufgaben und Zielen entfernt,
glaubt Frøvik. Der Sinn der Organisation sei die Bewahrung der
Bestände, nicht aber der völlige Schutz der Wale. "Für
Walfangnationen wie Norwegen und Island stellt sich nicht mehr die
Frage, ob Wale überhaupt gejagt werden sollen. Es geht vielmehr
darum, ob die IWC in der Lage ist, ein Bewirtschaftungssystem für
die Weltmeere zu entwickeln oder nicht. Wenn nicht, wird Norwegen
seinen Weg weiterhin alleine gehen", ist sich Frøvik sicher.
Text:
pps. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2004, Nr. 120 / Seite
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