Schwämme im Visier
der Forscher
Schwämme produzieren eine Vielzahl von Substanzen, die
medizinisch
wirksam sind. Wissenschaftler erwarten von ihrer Erforschung
deshalb
eine ganze Reihe neuer Medikamente.
Von Andrea Löbbecke, dpa
Stuttgart (dpa) - Die großen Verwandten sorgen in Badewannen für
Genuss.
Von den kleinen bunten Schwämmen in den Aquarien an der Universität
Stuttgart erwarten sich Forscher jedoch einiges mehr: Die
Lebewesen mit
der löchrigen Gewebestruktur produzieren eine Vielzahl von
Substanzen,
die medizinisch wirksam sind. In Schwämmen verbergen sich nach
den
Erwartungen der Wissenschaftler eine ganze Reihe neuer Medikamente
-
etwa gegen Viruserkrankungen und Krebs, Malaria oder Pilzbefall.
Allerdings ist die Tierklasse der Schwämme noch weitgehend
unerforscht.
Um besser hinter die Geheimnisse der Vielzeller zu kommen, haben
sich
neben der Arbeitsgruppe von Prof. Franz Brümmer am Stuttgarter
Zoologischen Institut mehrere Forschergruppen in Deutschland und
Kroatien zum Kompetenzzentrum BIOTECmarin zusammengetan. So
arbeiten
inzwischen Institute in Mainz, Würzburg, Mannheim, Kiel und Düsseldorf
sowie im kroatischen Rovinj gemeinsam an den Schwämmen. Sie
wollen unter
anderem die Struktur dieser ursprünglichsten Gruppe der
Mehrzeller
weiter aufklären, Substanzen als mögliche Kandidaten für neue
Medikamente identifizieren und das Überleben von Schwämmen in
Aquarien
verbessern.
Mit ihrem weichen Gewebe wirken die Tiere nicht gerade
besonders wehrhaft. «Trotzdem gehören sie zu den
erfolgreichsten Lebewesen der Erdgeschichte, sie sind Meister
der biologischen Kriegsführung», sagt der Stuttgarter Biologe
Michael Nickel. «Im Laufe von mehr als 600 Millionen Jahren
entwickelten sie eine riesige Palette von chemischen
Substanzen, mit denen sie sich gegen Feinde schützen.»
«Mehrere Kandidaten dieser Substanzen - wie Wirkstoffe gegen
Tumorerkrankungen - werden zur Zeit in Tierversuchen getestet»,
ergänzt
der Leiter der Mainzer Forschergruppe, Prof. Werner E. G. Müller.
Die
Schwamm-Substanz Avarol gelte als hoffnungsvoller Kandidat für
ein
mögliches Medikament gegen Aids.
Ein Mittel gegen Herpesviren - dessen Wirkstoff aus einem Schwamm
stammt
- ist bereits seit langem auf dem deutschen Markt erhältlich. Den
Wirkmechanismus klärte die Mainzer Forschergruppe auf. Daneben
arbeite
die Forschung daran, Substanzen aus dem Schwammskelett einmal als
Knochenersatz einzusetzen, sagt Müller.
Inzwischen sind 7500 Arten der Tiergruppe bekannt - die geschätzte
Zahl
liegt bei bis zu 45.000. «Ein Schwamm lebt normalerweise in einer
Symbiose mit drei bis fünf Bakterienarten - hinzu kommen weitere
rund
100 Mitläufer-Bakterien», erklärt Müller. «Ein Extrakt, der
aus einem
Schwamm gewonnen wurde, ist an Vielfältigkeit der enthaltenen
Substanzen
allem anderen überlegen, was man aus der Biologie vielzelliger
Organismen her kennt.» Dementsprechend zahlreich seien auch die
Treffer
bei der Suche nach möglichen Wirkstoffen.
Dabei sind diese Substanzen synthetisch hergestellten Stoffen in
vielen
Punkten überlegen. «Sie sind in der Natur durch den biologischen
Test
der Evolution gegangen», sagt Müller. Ein Kilo Schwammgewebe
filtert an
einem Tag rund eine Tonne Wasser - und kommt dabei mit einer
Vielzahl
von Krankheitserregern in Berührung. «Trotzdem sind die meisten
Schwämme
sauber, haben etwa keinen Pilzbewuchs.» Dieses Phänomen soll künftig
auch für die Schifffahrt genutzt werden: Mit Wirkstoffen aus Schwämmen
könnten neue Schutzanstriche für Schiffsrümpfe entwickelt
werden.
Für die Erforschung der Substanzen sind jedoch riesige Mengen von
Schwämmen nötig - die in ihrem natürlichen Lebensraum immer
seltener
werden. So zielt einer der Forschungsaspekte der Stuttgarter
Gruppe auf
die Haltung und effektive Vermehrung von Schwämmen. Bei diesen
Studien
haben die Stuttgarter Wissenschaftler - ganz nebenbei - den «schnellsten
Schwamm der Welt» entdeckt: «Tethya wilhelma» - benannt nach
seinem
Fundort, dem Zoologisch-Botanischen Garten Wilhelma. Dort legt er
zwei
Millimeter pro Stunde zurück und war Wissenschaftlern bis zum
Jahr 2001
unbekannt.