Sorge um Lederschildkröten:
Uralte Meeresbewohner
sterben aus
Die Lederschildkröte ist nicht nur die älteste und größe, sie
ist auch die am stärksten vom Aussterben bedrohte Meeresschildkröte.
Von Heike Schmidt, dpa
Denver (dpa) - Die Lederschildkröte, einer der ältesten Bewohner
unserer Ozeane, steht vor dem Aussterben. Die rund 100 Millionen
Jahre alte Tierart, die Dinosaurier
überlebt und allen Klimaveränderungen getrotzt hat, droht
Forschern zufolge ein Opfer der modernen Fischindustrie zu werden.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten sei die Zahl der riesigen
Panzertiere um 95 Prozent gesunken, sagte der Meeresbiologe Larry
Crowder von der Duke Universität in Durham (North Carolina) am
Montag auf dem weltgrößten Forschertreffen, der
Jahrestagung der Amerikanischen Wissenschaftsgesellschaft (AAAS)
in Denver (Colorado).
Derzeit lebten nur noch 1500 weibliche Tiere im pazifischen Raum.
Die Lederschildkröte könne nur noch durch konsequente
internationale Zusammenarbeit gerettet werden.
Die größte Bedrohung für die Tiere ist nach den Worten der
Wissenschaftler die Fischindustrie. Jedes Jahr beißen demnach
tausende der Riesenschildkröten in die Haken der bis zu mehrere
Kilometer langen Hochsee-Leinen, die kommerzielle Fischer
eigentlich zum Fang von Schwert- oder Tunfischen ausgeworfen
haben. Doch wegen ähnlicher Lebensgewohnheiten würden
unbeabsichtigt auch die Panzertiere geködert, erläuterte Crowder.
Ein Großteil werde tödlich verletzt wieder ins Meer zurückgeworfen.
Auch durch Tourismus bedroht
Lederschildkröten (Dermochelys coriacea) werden bis zu 2,5 Meter
lang und mehrere hundert Kilogramm schwer.
Sie können bis zu 30 Jahre alt werden. Die stromlinienförmigen
Tiere haben
keinen Knochenpanzer wie andere Schildkröten, sondern einen
Panzer aus Knochenplättchen, die in einer dicken, ledrigen Haut
eingebettet sind. Lebensraum der Tiere sind alle wärmeren Meere.
Sie legen ihre Eier an Stränden ab, die dort vom warmen Sand
ausgebrütet werden.
Auch der Tourismus stellt Crowder zufolge eine Bedrohung für die
Schwergewichte dar, die ihre Eier an Traumstränden in Costa Rica,
Malaysia, Mexiko und Indonesien
vergraben - den vier Haupt- Brutstätten pazifischer Lederschildkröten.
Dabei würden sie oft von Reisenden gestört oder von Dieben
entdeckt. Crowder ist überzeugt, dass die Urtiere «noch zu
unseren Lebzeiten aussterben», wenn nicht wirksame
Schutzmaßnahmen ergriffen werden. «Drastische Maßnahmen sind nötig,
jetzt zählt das Überleben jeder einzelnen Schildkröte.»
Im letzten Moment vor dem Aussterben bewahrt
Beispielhaft sind für die Biologen die Anstrengungen zur Rettung
der Unechten Bastardschildkröte (Lepidochelys Kempii), die im
letzten Moment vor dem Aussterben bewahrten wurde. Ihr Bestand war
1986 dramatisch auf nur noch 300 brütende
Weibchen geschrumpft. Die Tiere nisten nur an einem einzigen
Strand auf der Yucatán-Halbinsel in Mexiko und waren wegen ihrer
begrenzten Verbreitung und durch den boomenden Tourismus ernsthaft
bedroht.
In einer gemeinsamen Aktion schrieben die USA und Mexiko jedoch
1990 spezielle Schildkröten- Gitter für alle kommerziellen
Fischfangflotten vor. Durch diese Gitter können versehentlich in
Schleppnetze geratene Tiere unbeschadet entkommen. «Im
vergangenen Jahr konnten wir wieder 6200 Nester zählen»,
berichtete Crowder.
Die Forscher hoffen, durch ähnliche Maßnahmen auch die
Lederschildkröte retten zu können. «Wir haben bereits für
verschiedene Beifang-Probleme technische und operative Lösungen
gefunden», berichtete Martin Hall von der Inter-Amerikanischen
Tropischen Tunfisch-Kommission. Beispiele seien unter anderem
Delfine und verschiedene Seevögel.
«Im Fall der Lederschildkröten muss die Lösung jedoch noch
gefunden werden, und nur ideenreiche und intensive Forschung kann
so etwas hervorbringen, bevor die Zeit
abgelaufen ist.»
Quelle: DPA