02.05.2005
Fischerboote auf dem Weg zum Einsatz
(Bild: AP)
"Fisch
kaputt"
Umweltjournalist
Charles Clover über die Folgen der Fischerei
Rezensiert von
Johannes Kaiser
Der Bedarf von
immer mehr Menschen nach Produkten aus dem Meer hat dazu geführt,
dass viele Speisefische vom Aussterben bedroht sind. Seit Beginn
der industriellen Fischerei Anfang der 50er Jahre ist ihr
Gesamtbestand in den Weltmeeren um 90 Prozent zurückgegangen.
Umweltjournalist Charles Clover liefert mit seinem Report
"Fisch kaputt" eine bestechende Analyse über die Folgen
der Fischerei.
So viele Natur- und
Umweltschutzorganisationen sich bedrohter Tierarten zu Lande
annehmen, so wenige kümmern sich um die Meereswelt. Ausnahmen wie
der Kampf von Greenpeace für die Wale oder die Delphine bestätigen
nur die Regel. Für den Kabeljau oder die Scholle geht keiner auf
die Straße oder kreuzt in Schlauchbooten vor den Riesenfabriken,
die unterwegs sind, die Weltmeere leerzufischen. Die Lage ist
dramatisch, wie der englische Wissenschaftsautor Charles Clover
jetzt in seinem Buch "The end of the line", etwas salopp
mit "Fisch kaputt" übersetzt, an zahlreichen Beispielen
belegt.
Direkt vor unserer Haustür in der Nordsee sind die Bestände zum
Beispiel an Schollen und Kabeljau inzwischen so stark geschrumpft,
dass sie demnächst ganz zu verschwinden drohen. Dafür gibt es
viele Gründe. An aller erster Stelle steht die immer
ausgefeiltere Fischereitechnik, so Charles Clover.
Die Methode des Fischfangs in der
Nordsee, die am meisten zerstört, ist die Jagd mit Schleppnetzen,
bei denen Eisenstangen vor dem Netz her über den Meeresboden
gezogen werden. Man nimmt an, dass für jedes Kilo Scholle, das
gefangen wird, 16 Kilo andere Meereslebewesen umgebracht werden.
Diese Methode ist höchst effektiv, denn die Eisenketten graben
sich in den Boden und scheuchen so alle Schollen ins Netz. Nur
einige kleinere Schollen können entkommen, die Krustentiere, die
am Meeresboden leben, dagegen nicht. Das gesamte Ökosystem wird
so zerstört. In Gebieten, in denen mit solchen Schleppnetzen
gefischt wird, bleiben am Boden nur Garnelen übrig, die sich von
zerschlagenen Muscheln ernähren.
Jahrhundertealte Korallenriffs, artenreiche Unterwasserparadiese
werden gnadenlos geschliffen. Was nicht auf dem Teller landet,
wird zu Fischmehl verarbeitet und an die Fischzüchter verkauft.
Übrig bleiben nur Plankton, Krabben, winzige Sandaale und
Quallen. Deren Bestände explodieren geradezu, weil sie ihre
Fressfeinde, die größeren Fische verloren haben. Das Ökosystem
ist gekippt.
Je leerer die Nordsee wird, desto häufiger weichen die
Fischereiflotten an die Küsten Afrikas aus. Brüssel kauft ihnen
dort für Pfennigbeträge neue Fischgründe.
Die Küste Afrikas erlebt derzeit
eine Form von Wilderei, die mit zum Schlimmsten auf der Welt zählt,
was in postkolonialen Zeiten durch fremde Flotten angerichtet
wird. Die Eu gibt jedes Jahr 300 Millionen Euro für
Fischereilizenzen aus, damit vor allem spanische, portugiesische,
französische und auch holländische Fischer vor den Küsten
einiger afrikanischer Länder fischen können. Länder, in denen
ein Großteil der Bevölkerung hungert und die gar nicht die
Infrastruktur haben, um die Boote zu überprüfen. So holen die
Schiffe weit mehr aus dem Meer als erlaubt und zwar mit Methoden,
die so zerstörerisch sind, dass sie in der EU nicht erlaubt sind.
Für Senegals Wirtschaft zum Beispiel ist das ein schlimmes
Problem, denn die Produktivität des Meeres hat sich seit 1950 um
die Hälfte verringert und die einheimische Wirtschaft hängt
stark von der Fischerei ab. Allein 600.000 Menschen leben von der
Küste.
Angesichts der schrumpfenden Bestände bekannter Speisefische
verlegen sich immer mehr Unternehmen auf die Tiefseejagd. Dort
finden sich noch große Schwärme wohlschmeckender Arten wie des
Schwarzen Seehechtes. Der ist inzwischen zwar auch durch Quoten
weltweit geschützt, aber das kümmert die Piratenfischer, die ihm
nachstellen, wenig. Ihnen winken immerhin Gewinne wie im
Drogenhandel. Das Risiko erwischt zu werden, ist extrem gering.
Die internationalen Gesetze zum Schutz der Fischgründe sind nach
Ansicht von Charles Clover zum Großteil das Papier nicht wert,
auf dem sie stehen. Dabei sieht er durchaus Möglichkeiten, den
Raubbau an der Meereswelt zu stoppen und widmet dem ein ganzes
Kapitel. Staaten wie Neuseeland oder Island haben es vorgemacht,
indem sie große Gebiete vor ihren Küsten zu Sperrzonen für die
Fischerei erklärt haben. Binnen weniger Jahre erholten sich gefährdete
Bestände. Hilfreich könnte auch eine Zertifizierung für
nachhaltiges Fischen sein, so dass der Verbraucher sofort erkennt,
ob der Fang seines Mittagessens die Meereswelt zerstört. Aber er
ist nicht allein verantwortlich. Wichtig wäre, überhaupt erst
einmal ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, dass eine der
bedeutenden Nahrungsquellen der Menschheit zu versiegen droht. Der
Reichtum der Meere ist keineswegs unerschöpflich. Das macht
Charles Clover in klaren Worten anhand zahlloser konkreter
Beispiele aus dem Alltag überdeutlich. Wer sein Buch gelesen hat,
wird an der Fischtheke des Supermarktes zukünftig bewusster
einkaufen.
© 2005
Deutschlandradio
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